Zeitgenössische Kunst 
(in) der Gemeinde zeigen 

von Volker Dobers 

1. Bereitschaft zur Begegnung 

Über »Kunstvermittlung« ist viel nachgedacht und veröffentlicht worden. Zeitgenössische Kunst in einer ganz normalen Kirchengemeinde zu zeigen, setzt die Bereitschaft zur Begegnung voraus. Das Interesse an Begegnung ist der Schlüssel zu jeder Art der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Begegnung, die diesen Namen verdient, wird immer mit dem Unwägsamen und Fremden rechnen. Wenn in der Begegnung mit Menschen wie mit der Kunst tatsächlich das Gegenüber gesucht wird, dann werden Ungewohntes und Überraschungen nicht ausbleiben. Solcherart Begegnung wird neue Sichtweisen eröffnen, wird in Bewegung setzen, wird einen nach dem Aufeinandertreffen nicht mehr so lassen wie zuvor.

Offensichtlich jedoch ist die Bereitschaft zur Begegnung in diesem Sinne in vielen Kirchengemeinden  landauf landab (noch) nicht besonders ausgeprägt. Zeitgenössische Kunst, wenn sie denn einmal den Weg in die Gemeinde findet, wird entweder verschwiegen, einfach ignoriert oder ihr gegenüber wird respektlos, überheblich, verunglimpfend reagiert. Gleichgültigkeit und Indifferenz ist eine ebenso anzutreffende Form der Flucht vor echter Begegnung. Es gibt auch erfreuliche Erfahrungen. Wo sich Freiräume für das Experiment »Kunst« zeigen und dann auch nutzen lassen, ist es ein Glück. - Tragisch und ärgerlich zugleich jedoch ist, dass sich Menschen in unseren Kirchengemeinden häufig durch stillschweigende oder ausdrückliche Abwehrreaktionen in ihnen liegender Möglichkeiten berauben. Oft lässt sich der Eindruck gewinnen, dass sie sich diese Möglichkeiten regelrecht versagen. Aus diffuser Angst heraus. Aus der Macht der eigenen Gewohnheit heraus. Aus verinnerlichten Verhaltensmustern heraus. Das Fremde darf nicht sein. Das Ungewohnte muss weg, am besten wegbleiben. Alles andere wäre zu anstrengend, zu neu, zu waghalsig.

Allerdings: »Brücken« sind unerlässlich. Gemeindemitglieder fragen mit gewissem Recht nach »Dolmetschern«. Diese sollten ihnen nicht vorenthalten bleiben, Interessierte aber zum eigenständigen Sehen ermutigen.

2. Dem Eigenen trauen 

Den eigenen Augen trauen, der eigenen Stimme Raum geben, die eigene Sprache finden, wer kann das noch, wer lebt das noch? Zeitgenössische Kunst kann diese verschütteten Dimensionen menschlicher Existenz herausfordern. Nicht vorsortiertes Sehen im Sinne eines Reiseführers nach dem Motto: »Da musst du gewesen sein, das musst du gesehen haben«. Vielmehr sich wieder in der eigenständigen und zunächst einsamen Kunst des Schauens üben. Das alte Spiel »Ich sehe was, was du nicht siehst« spielen. Wahrnehmen, mit allen Sinnen aufnehmen, was »vor Augen« ist, Zeit einsetzen für die Begegnung mit dem ganz Anderen, sich im jeweiligen Raum ergehen. Und Widerstand gegen jede Form von Vereinnahmung oder »Augen-Zensur« üben.

»Schauen« zählt für mich zu den Schlüsselbegriffen in der Begegnung mit Kunst. Wo nur noch halb hingeschaut wird, verkümmert das Leben, wo weggesehen wird, wird das Leben preisgegeben. Wo so etwas wie die Kunst des Schauens geübt wird, da müssen festgeformte Vorstellungen weichen. Da kann aus der Begegnung mit einem Menschen oder einem zeitgenössischen Werk Überraschendes erwachsen.

Zeitgenössische Kunst in der Gemeinde zu zeigen, offenbart den Mut zur Jetztzeit. Ein solches Unternehmen setzt voraus, dass Kunst im ausgehenden 20. Jahrhundert eine eigene (Aussage-)Kraft innewohnt und aus sich heraus entwickelt. Vertrauen in die Kraft zeitgenössischer Kunst zu setzen liegt quer zum gegenwärtigen Trend, dessen Parole lautet: Zurück in die gute, alte Zeit. Solche restaurativen Tendenzen spiegeln sich etwa in der gegenwärtigen Architekturdebatte um Berlinbauten, solche Erfahrungen werden im Zusammenhang mit Umgestaltungs- und Umnutzungsplänen renovierungsbedürftiger Kirchen gemacht, ähnliche Gedanken sind auch in Diskussionen angesichts gegenwärtig tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche und Herausforderungen nicht neu. Der Gegenwart zu trauen und ihrer Kunst leiht sich die eigene Identität nicht aus angeblich guter, alter Zeit, flieht nicht zurück in die Vergangenheit und flüchtet auch nicht in die Zukunft, sondern nimmt die Gegenwart als die eigene Zeit wahr, respektiert sie und bringt sie auf eigene Weise zur Darstellung. 

3. Trinitarische Dimensionen zeitgenössischer Kunst 

Mir haben sich in der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst geradezu trinitarische Dimensionen erschlossen. Damit soll zeitgenössische Kunst nicht theologisch vereinnahmt werden. Ihre Eigenständigkeit bleibt unangetastet. Dennoch sehe ich drei große Dimensionen, die ich bewusst trinitarisch nenne: eine schöpferische Dimension, eine weitere Dimension, die die Würde des Menschen thematisiert, schließlich die Dimension der Freiheit.

Anspruchsvoller Kunst wohnt a) eine enorme schöpferische Kraft inne. Jede Begegnung mit hochkarätigen Arbeiten bringt das an den Tag. Des weiteren zieht sich durch viele zeitgenössische Werke implizit oder explizit b) das Leiden an der Entwürdigung von Menschen wie das Ringen um die Würde von Menschen. Wunde Punkte werden berührt, die Frage nach der Wahrheit wird gestellt. Parallelen zum Weg Jesu drängen sich auf. Schließlich atmet c) zeitgenössische Kunst einen Geist der Freiheit (2.Kor.3, 17), der manchem herkömmlichen, geschlossenen Kreis unserer Kirchengemeinden den Spiegel vorhalten könnte.  

4. Kunst in der Gemeinde zeigen? 

Ja, Kunst in der Gemeinde zeigen! In der Kirche als »Institution der Freiheit« die Freiheit leben! »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen (Jh.14, 2)«, so steht auf einer der beiden Glocken der Kirchengemeinde, in der ich mein Vikariat absolviert habe. Und auf der anderen ist zu lesen (s.o.): »Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit(2.Kor.3, 17)«. Wohl der Kirchengemeinde, zu der solche Glocken einladen und die solche Offenheit zu leben versteht!

Ja, Kunst in der Gemeinde zeigen! Nicht als Masche, nicht als Tick, sondern als eigener Impuls gegen die verbreitete Gewohnheit zu konsumieren, gerade auch in Kirchengemeinden. Immer wieder wird veranstaltet für: Für die Gottesdienstgemeinde, für die Alten, für die Kinder ... statt mit ihnen auf Entdeckungsreise zu gehen.  - Zeitgenössische Kunst in der Gemeinde zu zeigen, das ist der Versuch, gegen herkömmliche Betreuungsformen eine andere Art von Begegnung zu eröffnen, nämlich wieder den eigenen Sinnen zu trauen und selber sehen, fühlen, riechen, hören, schmecken (lernen)... Oft, allzu oft wird betreut, wird etwas - und meistens noch gut gemeint - vermittelt statt dass es aus Begegnungen erwächst. Oft wird unterhalten statt beteiligt. Oft wird veranstaltet ... Zeitgenössische Kunst in der Gemeinde zu zeigen, das ist so etwas wie ein emanzipatorischer Ansatz, der die eigenen Möglichkeiten ernst nimmt, herausfordert und sie damit fördert.  

5. Zum Beispiel: »Einfach vergessen« von Rosemarie Vollmer (1995) in St.-Johannis Lüchow   

Sechs Wochen lang haben wir zu Beginn des Jahres 1996 ein dreiteiliges, zeitgenössisches Bild im Großen Saal unseres Gemeindehauses zeigen können:  Die Arbeit »Einfach vergessen« der Gondelsheimer Malerin Rosemarie Vollmer war für die Dauer der winterlichen Gottesdienste neben (besser: angesichts von) Lesung, Lied, Gebet, Predigt, Segen ... eigenständiger Beitrag im Gesamtgeschehen Gottesdienst wie im übrigen all der anderen kirchengemeindlichen Veranstaltungen in diesem Raum. Im Rahmen eines Gottesdienstes wurde in die 360 x 260 cm große Arbeit eingeführt, einige wenige Gedanken der Malerin zu ihrem Werk standen in schriftlicher Form für Interessierte im Anschluss an den Gottesdienst zur Verfügung.

Das Projekt »Einfach vergessen« kommt im Zusammenhang anderer Impulse mit zeitgenössischer Kunst in St.-Johannis Lüchow zu stehen: 1991 Konzert mit zeitgenössischer Orgelmusik (Hans-Ola Ericsson spielt u.a. Ausschnitte aus dem 12teiligen Zyklus »superverso per organo« [1985 - 1992] von Ernst Helmuth Flammer), 1992/93 Umgestaltung der St.-Johannis-Kirche (Schaffung von Taufbeckenschale, Lesepult, »Tisch des Herrn« und »Osterkreuz« durch den Schweizer Bildhauer Karl Imfeld), 1993 »Inspirationen-Ausstellung« mit 9 MalerInnen und Bildhauern, 1995 Triptychon »Atemtor« von Jörgen Habedank, 1995 Eröffnung der Wanderausstellung des Zentrums für Medien, Kunst und Kultur unserer Landeskirche (ehemals "Medienzentrale"),  »Orte der Stille« mit Arbeiten von Ricardo Saro und Hartmut Stielow, 1996 Projekt »Tanz im Kirchenraum« im Zusammenhang mit dem Zentrum für Medien, Kunst und Kultur unserer Landeskirche..

Fazit: Mut zur Begegnung, und eben auch zur Begegnung mit dem Fremden, ist für mich der Schlüssel zu jeder Form von fruchtbarer christlicher Gemeindearbeit, was die Bereitschaft zur Begegnung mit zeitgenössischer Kunst selbstverständlich einschließt.

Volker Dobers: Zeitgenössische Kunst (in) der Gemeinde zeigen. In: Resonanzen 1976 – 1996. 20 Jahre Medienzentrale im Amt für Gemeindedienst der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Hannover 1996, S.45–49

Copyright © 2001- 2010
by St.-Johannis-Gemeinde Lüchow (Wendland)
designed by Rolf Adler
Webmaster