Pastor Alfred Schröder
* 9. Oktober 1874 / + 13. Januar 1973 

Ist man heute als Pastor bei älteren Lüchowern zu Besuch, dann kommt die Rede irgendwann auf Pastor Schröder. Erlebtes, Gehörtes, Erfundenes und Anekdotisches  vermischen sich zu liebe- und respektvoller Erinnerung. Jeder ältere Wendländer und jede ältere Wendländerin weiß von Eigenarten des bärtiges Barden Gottes zu erzählen. Tiefe Stimme, stattliche Statur - Schröder scheint in den Jahren nach seinem Tode gewachsen zu sein. Und es scheint, als habe Gott ihm das verliehen, was nur dem Herrn Jesus Christus zugesagt werden kann: Ubipräsenz. Man erzählt, Schröder habe immer alle Konfirmandinnen und Konfirmanden am Konfirmationstag besucht. Bei 60 Konfirmandinnen und Konfirmanden im Jahrgang und einer Zeitspanne von 12-22 Uhr hätte er also genau 10 Minuten im Haus verbracht. Aber immerhin: er war da!

Am häufigsten hört man die Geschichten um seinen geheimnisvollen Koffer (manchmal ist es auch nur eine Tasche. Es wird erzählt, Schröder habe bei Besuchen zu großen Familienfeierlichkeiten seinen Koffer (die Tasche) immer zuerst in der Küche abgegeben mit der Bitte, doch etwas für seine liebe Frau einzupacken.

Viele Lüchower Absolventen des Salzwedeler Lyzeums haben bei ihm Nachhilfe in Latein und Griechisch genossen. Auch ließ er Vikare gerne zu Exerzitien in Latein und Hebräisch antreten.

So mancher heute schon selbst betagte Lüchower weiß davon zu berichten, wie Pastor Schröder im elterlichen Haus das Harmonium oder das Klavier zum Klingen brachte und geistliche Lieder anstimmte, bevor er sich mit der Kutsche zum Gottesdienst bringen oder sich ein gutes Schnäpschen einschenken ließ.

Alfred Schröder wurde am 9. Oktober 1874 im südhannoverschen Landwehrhagen, Kreis Hann. Münden, geboren. Seine Vorfahren väterlicherseits waren Kunsthandwerker und Elfenbeinschnitzer. Mütterlicherseits blickte Schröder auf bäuerliche Vorfahren "echter und fortschrittlicher" (EJZ 1964) zurück. Nach dem Abitur in Kassel begann er mit 19 Jahren in Göttingen das Studium der Theologie, nachdem er nach eigenem Bekunden schon als kleiner Junge den verspürte, Pastor zu werden. An der Universität Greifswald setzt er sein Studium fort und lernte dort seine spätere Frau, die Kapitänstochter Alide Stolp, kennen.  Am 14. November 1902 wurde Alfred Schröder in der Schlosskirche zu Hannover durch den Generalsuperintendenten Schuster ordiniert und versah zwei Jahre seinen Dienst als Hilfsprediger in Duderstadt. 1904 trat er sein Pfarramt in Deiderode bei Göttingen an. Nachdem ihm die Pfarrstelle zu klein geworden war, bewarb sich Schröder zusammen mit zwei weiteren Kollegen 1907 auf die 2. Pfarrstelle in Lüchow. Nach den Probepredigten entfielen von 74 abgegebenen Stimmen 49 auf Pastor Schröder, so dass er am 6. Oktober 1907 durch Propst Busch sein Amt in Lüchow eingeführt werden konnte.

Von Beginn seiner Amtszeit an galt der Interesse des Geistlichen der Jugendarbeit. Er leitete den "Jüngslings- und Jungfrauenverein" und arbeitete 10 Jahre lang nebenbei als Kreisjugendpfleger. Nach dem ersten Weltkrieg war der rührige Seelsorger im Auftrag des Kreises in der allgemeinen Wohlfahrt tätig. Er richtete den Kreisarbeitsnachweis ein und betätigte sich als Berufsberater, um der Arbeitslosigkeit entgegen zu steuern. Schröder organisierte im Wendland Lebensmittelsammlungen für die hungernden Menschen in den Großstädten und war treibende Kraft im örtlich bestehenden  Gefängnisseelsorge-Verein. Noch mit über 90 Jahren war er offizieller Krankenhaus-Seelsorgern besuchte regelmäßig die Kranken zuerst in Meudelfitz, später in der Lüchower Klinik und im Dannenberger Kreiskrankenhaus. 

Offiziell hat Alfred Schröder in der Zeit von 1907 bis 1939 als Pastor seinen Dienst in Lüchow versehen, dann wurde er - 65 jährig - pensioniert. Dass er aber weiterhin als Pastor und Seelsorger tätig war und sich dabei bis ins hohe Alter aktiv für seine Gemeinde einsetzte, spricht für sein tiefes Verhältnis und seine große Liebe zu seinem Amt und seinem Auftrag.  Zu seinem 90. Geburtstag schrieb die Elbe-Jeetzel-Zeitung:

"Dass er sich nach Beginn des offiziellen Ruhestandes besonders der Alten, Kranken und Gefangenen annahm, entsprach den Gaben, die ihm aus den Erfahrungen seines langen Lebens zur Verfügung standen: Er war für sie ein väterlicher Vertrauter, mit dem man sprechen konnte, ohne etwas zu verheimlichen, denn er kennt ja die Schwächen der Menschen und die Anfechtung, denen sie ausgesetzt sind. Verständnis für die anderen und die Fähigkeit, einen Weg zu wissen und zu weisen, das sind die 'Abzeichen' dieses Patriarchen."
(EJZ vom 9. Oktober 1964)

Zu seinem 60. Ordinationsjubiläums schreibt die Hannoversche Landeskirche im Jahre 1962:

"In welch' besonderen Zeiten unseres Vaterlandes haben Sie in Ihrer Amtszeit Gottes Wort der Gemeinde verkündigt. Es waren die furchtbaren Jahre zweier Weltkriege und die verantwortungsvolle Zeit des Kirchenkampfes. Gottes Wort hat sich als das Wort für alle Zeiten erwiesen, das allein uns hilft, die Zeiten durchzustehen, und das darüber hinaus uns die Hoffnung auf Gottes ewiges Reich schenkt. Zu Ihrem 60. Ordinationsjubiläum gedenkt Ihre Landeskirche dankbar Ihrer. Sicherlich werden Sie in Ihrer Gemeinde etwas von der Frucht ernten dürfen, die Gottes Wort gebracht hat und bringt." 

Dass Alfred Schröder zu allen Zeiten Volks- und Gemeindenähe lebte und dabei auch keine Furcht vor fröhlicher Geselligkeit hatte, wird immer wieder augenzwinkernd bemerkt. So manchen Trunk hat er genossen. Pastor Schröder starb am 13. Januar 1973 im gesegneten Alter von 99 Jahren. Er ist neben seiner Frau auf dem Lüchower Friedhof bestattet.

Seiner Stadt und seiner Gemeinde hinterließ er als 90-Jähriger folgende Reime:

 

Mein Lüchow

Lüchow, mein Lüchow, wie lieb ich dich!
Wie eine Mutter, so liebst du auch mich.
Hast mich gleich an dein Herz genommen,
als ich einst, früh schon, zu dir gekommen.

Damals warst du noch schlicht und klein,
aber mir schienst du so schön und fein;
ahnte und fühlte gleich: Hier muß ich bleiben,
wirken und schaffen, mein Lebenswerk treiben.

Das einst Gewünschte ist auch gescheh'n,
hab hier drei Menschenalter geseh'n,
habe nichts anderes hier sein mögen,
als nur ein Mensch, für andre zum Segen.

Nun bin ich neunzig Jahre alt,
habe noch immer Geist und Gestalt;
das dank ich meinem Herrn und Gott,
er war mein Helfer in aller Not.

Meine alten Freunde sind tot,
wann ich ihnen folge, das steht bei Gott.
Ob früher ob später, das ist mir gleich,
wenn ich nur lande im Himmelreich.

Alfred Schröder 

    
Sein Grabstein     

Nachtrag: 2001 nahm der Rat der Stadt Lüchow den Vorschlag des Kirchenvorstandes Lüchow aus dem Jahre 1991 auf, eine Straße in Lüchow nach Pastor Schröder zu benennen. Heute gibt es in Lüchow einen "Pastor-Schröder-Ring". Die Kirchengemeinde freut sich darüber und dankt den Ratsmitgliedern, die den Vorschlag des  Kirchenvorstandes aufgegriffen und mit ihrer Stimme unterstützt haben.

  

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