Der Architekt Dr. Dieter Langmaack

von Volker Dobers   

Unweit des nach seinen Plänen 1982 renovierten und umgebauten Deutschen Schauspielhauses  in Hamburg hat Dr.-Ing. Dieter Langmaack, Jahrgang 1926 und Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA), 40 Jahre lang und über weite Strecken zusammen mit seinem Vater Gerhard Langmaack (Gründung des Büros 1922) ein gemeinsames Architekturbüro geführt. In der Nähe der Alster hat er bis zu seinem Tode am 18. Mai 2004 gewohnt.

In den Jahren 1990 – 1993 ist er häufig in Lüchow gewesen. Der Kirchenvorstand hatte ihn seinerzeit mit der Renovierung und Umgestaltung der St.-Johannis-Kirche beauftragt. Die Lüchower Kirche ist nicht die erste Kirche gewesen, mit deren architektonischer Planung der der Michaelsbruderschaft angehörende Dieter Langmaack betraut worden ist. Über 30 Kirchen – nicht nur in Deutschland – sind nach seinen Plänen entstanden.

Dieter Langmaack, seit 1981 Lehrbeauftragter der Theologischen Fakultät an der Universität Hamburg im Fach »Gestaltung«, wollte bei seinen Bauplanungen stets die Nutzerinnen und Nutzer seiner Gebäude beteiligt wissen. Ganz im Sinne des Kirchenvorstands hat der Hamburger Architekt  im Blick auf die Planungen zur Umgestaltung der Lüchower Kirche auf diesen Grundsatz seiner Arbeit Wert gelegt. »Die Kirchenrenovierung als gemeinsamer Weg des Architekten und der bauenden Gemeinde«, so lautete entsprechend ein Artikel Langmaacks in einer 1991 vom Kirchenvorstand herausgegebenen Broschüre mit dem Titel »Die St.-Johannis-Kirche zu Lüchow im Wandel der Zeit«.    

Vor der ersten Besprechung im Blick auf das Lüchower Vorhaben im Frühjahr 1990 hat Dieter Langmaack sich ausgiebig Zeit genommen, die Kirche zu begehen, hat Lichtverhältnisse, Akustik, Proportionen, Materialien und Farben auf sich wirken lassen. Das sinnenhafte Erleben eines Raumes oder eines Ortes ist für den Hamburger Kirchenbauer stets Grundlage des umfassenden Verstehens einer Bauaufgabe. Erst wenn sich auf diese Weise die Herausforderung einer neuen Aufgabe sozusagen in die eigene Haut eingraviert hat, macht für ihn eine Planung Sinn: Vor dem Begriff steht das Begreifen, vor dem Ausdruck der Eindruck, vor der Reflexion die lebendige Erfahrung. »Die Erkenntnis, die nicht durch die Sinne gegangen ist, kann keine andere Wahrheit erzeugen als eine schädliche«, zitiert Langmaack Leonardo da Vinci in seinem Neujahrsgruß für das Jahr 1985.

 
Im Blick auf das Lüchower Projekt hat es der Hamburger Architekt in Zusammenarbeit mit Kirchenvorstand, Gemeindebeirat und dem beteiligten Bildhauer Karl Imfeld verstanden, liturgische Spielräume zu eröffnen, unterschiedliche gottesdienstliche Formen zu ermöglichen sowie Voraussetzungen für eine geöffnete Kirche mit verschiedenster Nutzung »unter der Woche« zu schaffen. Durch eine veränderte Eingangssituation, einen von allen Seiten zugänglichen »Tisch des Herrn« und vier in der Fußbodengestaltung angedeutete Paradiesflüsse (1. Mose 2, 10-14) in Richtung Osten und Westen, Norden und Süden ist die überkommene ausschließlich längsachsiale Orientierung aufgebrochen. Dadurch, dass Chorraum wie Seitenschiffe zudem von Bänken befreit sind, ergeben sich Freiräume. Die Kirche lädt zum Begehen ein. Querwege können beschritten, Kreisbewegungen Raum greifen, verinnerlichte Verhaltensmuster durchbrochen werden. Die weißen Wände und die von jeglicher »Möblierung« freigehaltenen Bodenflächen fordern über die Gottesdienste hinaus immer wieder zu vielfältiger temporärer Nutzung heraus.                                                
Zentral ist das neu geschaffene liturgische Zentrum mit Taufe, »Tisch des Herrn«, Lesepult und Kanzel mit dem Bezugspunkt des in seiner Idee wohl erstmalig entwickelten Osterkreuze, das – nach oben hin offen gestaltet – den Eindruck von Hoffnung, Leben und Transparenz erweckt und zugleich wie eine Segensgeste wirkt.

 

 

Literatur:

• Olaf Bartels (Hrsg.): Die Architekten Langmaack. Planen und Bauen in 75 Jahren (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, herausgegeben von Hartmut Frank und Ullrich Schwarz). Hamburg, 1998  
• Volker Dobers / Dieter Langmaack: Raum-Umgestaltung. Ein Fallbeispiel für das Gemeinde- und Gottesdienstverständnis. In: kunst und kirche 1/1994, S. 52 – 54, Darmstadt 1994  
• Dieter Langmaack: Vom Höhlenerlebnis zur Arbeitsarchitektur: Beispiele für eine nutzerbetonte sinnen-volle Planung. In: Organisationsentwicklung 3/1992, S. 18 – 28, Basel 1992

 

"Das Büro der Architekten Langmaack gehört zu den prägenden der Hamburger Architektur im 20. Jahrhundert. Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, Wohn-. Verwaltungs-, Sozialbauten und vor allem eine Vielzahl von Kirchen gehören neben den Planungen zum Neuaufbau Hamburgs, dem Wiederaufbau der Michaeliskirche, der neuen St.-Nikolaikirche, der Finnischen Seemannsmissions und umfangreichen Bauaufgaben im Ausland zum zentralen Werk der Architekten."

Klappentext des Buches: 
Die Architekten Langmaack. Planen und Bauen in 75 Jahren. Hrg. Olaf Bartels, Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Hamburg 1998

www.architekt-langmaack.de

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