Sankt-Johannis-Kirche - 
Entstehung und bauliche Geschichte

von Rolf Adler

Die Betrachtung der Geschichte eines Gotteshauses sollte und müsste eigentlich mit der Nennung des Errichtungsdatums beginnen. Leider können wir heute über die Gründungsintention im Hinblick auf unsere Kirche und die Motive ihrer Errichtung nichts mehr in Erfahrung bringen. Sowohl die Gründung der ersten christlichen Gemeinde in Lüchow als auch die erste Gestalt des Gotteshauses verschwinden im Dunkel des mittelalterlichen Lüchow. Was für die Stadtgeschichte in Lüchow gilt, das gilt auch für die Geschichte der Gemeinde: die Quellenlage ist schlecht. Was an Gründungsurkunden und aufschlussreichem Material existierte haben mag, ging entweder im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) oder aber während des großen Feuers 1811 für immer verloren.

Es sind relativ späte schriftliche Zeugnisse, die uns erste Auskünfte über die Existenz einer christlichen Gemeinde in Lüchow geben. So entnehmen wir den Aufzeichnungen eines Propstes Johannes Volmer aus dem Jahre 1675, dass die Kirche einst dem Erzbischof von Verden und dessen Generalvikar, dem Abt des Klosters St. Michaelis zu Lüneburg, unterstellt war. Unter den Dokumenten, die Propst Volmer nennt, befand sich eine Stiftungsurkunde der Gebrüder Lupi von jährlich 11 Scheffeln Roggen aus der Drawehner Mühle für die "heilige Lampe".

links:  historische Stadtansicht 
Amtsturmmuseum Lüchow

Aufgrund einer Nachricht des Propstes Bernhard Werner Falkenhagen aus dem Jahr 1742 können wir die Existenz der St.-Johannis-Kirche dann noch in das Jahr 1298 zurückdatieren. In diesen Jahr fungierte ein "Dominus Johannes Präpositus" (Propst) als Zeuge für Heinrich, den letzten Grafen Lüchows, als der den Altar corporis christi mit zwei Wispeln Roggen aus der Köhlener Mühle dotierte.

Bei Renovierungsarbeiten im Jahre 1962 stieß man auf starke Feldsteinfundamente, die als Außenfundamente einer früheren Kirche oder Kapelle angenommen werden. Doch schon diese Annahme lässt sich nicht mehr belegen, so dass offen bleiben muss, wann die Lüchower an der Stätte der heutigen St.-Johannis-Kirche eine erste Kirche oder Kapelle erbauten.

Geht man von außen um die Kirche herum, dann findet man viele Spuren der bewegten Baugeschichte der St.-Johannis-Kirche. Im wohl ältesten, östlichen Teil finden sich neben gotischen Fensterlaibungen Nischen romanischer Bauart, deren ursprüngliche Funktion und Bedeutung unklar sind. Die Laibungen der Fenster an der Süd- und Nordseite sind verkleinert (1866). Die Eingangsportale stammen ebenfalls aus dem Jahr 1866 und bieten mit ihren Bogenlaibungen einfache, aber typische neugotische Architektur.

Die älteste uns bekannte bildliche Darstellung der St.-Johannis-Kirche liegt in Form eines Merian-Stiches aus dem Jahre 1655 vor. 

Auf dem Stich erkennt man die Kirche als turmlosen Bau (zu erkennen ein in der Mitte der Kirche plazierter Dachreiter und der heutige Glockenturm rechts von der Kirche), eine auffällige Besonderheit, die vermutlich damit zusammenhängt, dass auf der von Jeetzelarmen umgebenen "Kircheninsel" aus statischen Gründen kein Turm gebaut werden konnte.  Bei Wilfried Koch (Baustilkunde, München 1990, S. 174) lesen wir, dass Satteldächer, die über alle Schiffe einer Hallenkirche reichen, ein Stilelement der Deutschen Spätgotik (1350-1520) sind und sich vor allem in Süddeutschland finden. 

Auf dem Merianstich ist ebenfalls zu erkennen, dass die Johannis-Kirche außerhalb der Stadt (ecclesia extra muros) gebaut worden ist. Diesem Umstand verdanken wir es, dass die Kirche beim verheerenden Stadtbrand im Jahre 1811 nicht ein Raub der Flammen wurde. Es fällt auf, dass der Merian-Stich keine Andeutung des schönen Treppengiebels enthält, der die Kirche auf der Seiteseite schmückt. Dieses, durch schlichte Blendarkarden gegliederte Schmuckstück norddeutscher Backsteingotik, trägt die Jahreszahl 1691. Doch es ist anzunehmen,  dass der Giebel älteren Datums ist.

Die Jahreszahl 1691 bezieht sich auf eine umfassende Renovierung und Instandsetzung der Kirche, die einem Neubau sehr nahe kam. Einer Urkunde von 1691 entnehmen wir: 

"Im Jahre der gnadenreichen Geburt unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi 1691 ist die Kirche allhier zu St. Johannis Baptistae genannt, bis auf das Mauerwerk heruntergenommen und ganz neu erbauet, das Mauerwerk in- und auswendig reparieret, ein hölzernes Gewölbe inwendig, weil sie vorhin einen flachen Boden gehabt, angelegt. Dieser Knopf (die Urkunde wurde 1967 in der Kugel über dem Ostchor gefunden), welcher vorhin auf dem kleinen Turm über der Kirche gestanden, ist heute dato über das Chor gesetzt ... Die Religion ist nach der unveränderten Augsburgischen Confession Evangelisch, wobei der allerhöchste Gott uns und unsere Nachkommen gnädigst erhalten wolle. ... Den 1. Mai 1691 hat man den Anfang gemacht, das Dach herunterzunehmen und die Kirche abzubrechen und ist der Gottesdienst indessen auf dem fürstlichen Schlosse abgehalten wurden. Michealis ist die Kirche wieder eingerichtet und gepredigt worden. ... Lüchow, 11. November 1691." 
(siehe: Chronik der Stadt Lüchow, hrg. v. E. Köhring, Lüchow 1949, 2. unveränd. Nachdruck 1989, S. 45)

 

Der Urkunde ist also zu entnehmen, dass das heutige Tonnengewölbe über dem Mittelschiff aus dem Jahre 1691 stammt und der Dachreiter in jenem Jahr entfernt worden ist. Seitdem dient ein alter Stadtturm an der Kalandstraße der Kirchengemeinde als Glockenturm. Er beherbergt heute drei Stahlgussglocken (1. "Den Gefallenen zum Gedächtnis" - 1926; 2. "Über der Heimat liegt Not und Leid, Herr, laß mich künden bess're Zeit" - 1947; "Heute, so ihr meine Stimme höret, verstocket euer Herz nicht" - 1948), nachdem die Bronzegussglocken in den Kriegen zerstört worden sind.

Bild rechts
Schloss nach 1811 (großer Stadtbrand), 
Amtsturmmuseum Lüchow

Zwischen 1691 und 1866 wurden an der Kirche lediglich Instandhaltungsarbeiten durchgeführt. 1831/32 musste das Dach neu gedeckt und das Mauerwerk an der Ostseite repariert werden. 1865 wurde der Dachstuhl neu verlattet und das Dach im Zuge dieser Arbeiten umgedeckt. Im Jahre 1866 erfuhr die Kirche unter Konsistorialbaumeister Conrad Wilhelm Hase (siehe dort) eine weitere große Renovierung und Umgestaltung, deren neugotische Intention den Charakter der Kirche bis heute bestimmt. Hase griff grundlegend in die innere und äußere Gestalt der St.-Johannis-Kirche  ein und formte sie dem Zeitgeschmack entsprechend. Bei Alfred Kelletat lesen wir, dass diese Renovierung besonders radikal verfuhr, "...sie beseitigte einen Altar von 1595, die Kanzel von 1582, die Orgel von 1554 ...", vgl. A. Kelletat, Kirchen und Kapellen im Wendland. Breeser Blätter 3. Breese im Bruche 1981, S. 27). Eine gotische Triumphkreuz-Gruppe, bestehend aus einem Kruzifixus, einer lebendgroßen Johannes- und einer ebenso großen Marienfigur wurde in das Lüneburger Museum ausgelagert, wo das Kruzifixus 1945 bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Die Marien- und die Johannesfigur finden sich heute unter den ständigen Exponaten des Museums.


Marienfigur 
aus der Triumpfkreuzgruppe

Johannesfigur
aus Triumpfkreuzgruppe

Über den Austausch der Prinzipalstücke hinaus, abgesehen von der Bronzetaufe von 1417, wurde auch der Kirchenraum einer tiefgreifenden Veränderung unterzogen. Die Tonnendecke wurde gründlich instand gesetzt, ein neuer Fußboden gelegt, das Kirchengestühl erneuert, anstelle der Holzfenster wurden kleinere gusseiserne Fenster eingebaut.

 

Die Kirche muss sich damals in einem erbarmungswürdigen Zustand befunden haben. In der "Zeitung für das Wendland" lesen wir am 30. März 1866: " ... man würde sogar lieber eine ganz neue Kirche bauen, wenn die Verhältnisse dieses in etwa bedingen sollten ...".

Insgesamt nahmen Hase und der Kirchenvorstand für sich in Anspruch, die Kirche "... freundlicher, würdiger, reicher geschmückt und ausgestattet denn je zu vor ..." (Zeitung für das Wendland, 7.12.1866) den nachfolgenden Generationen überlassen zu haben. Die Gesamtkosten der Renovierung beliefen sich damals auf 14 150 Thaler und wurden zum Teil aus dem Verkaufserlös von Kircheninventar gedeckt. 

Rückblickend können wir uns die Kirche nach Vollendung der Umgestaltung ungefähr so vorstellen: Der heute noch vorhandene Altar und die ebenfalls vorhandene Kanzel bildeten zusammen mit einem hölzernen Adler als Lesepult und der Bronzetaufe die Prinzipalstücke. Das Lesepult befand sich in der Mitte der Chorstufen hinter einer schmiedeeisernen Schranke. Der Kirchenraum lag im Halbdunkel. Die Wände hatten einen bräunlichen Farbton und waren mit allerlei Ziermalerei versehen. Auf der Höhe des Hauptschiffes verliefen ringsherum hölzerne Emporen, die bis an die Pfeiler heranreichten. Auch das nördliche und südliche Seitenschiff in Höhe des Chorraums hatten hölzerne Emporen. Insgesamt hinterließ die Kirche auf den Besucher einen düsteren Eindruck, was später dazu führte, dass die Emporen teilweise entfernt wurden. Über dem Chorschluss prangten auf blauem Grund goldene Sterne.

In den folgen Jahren wurde die Kirche des öfteren renoviert und in ihrem Inneren verändert. So im Jahre 1926, als man auf der südlichen Chorraumempore einen Gemeinderaum einrichtete, oder im Jahre 1930, als die Kirche einen helleren Innenanstrich bekam. Im Jahre 1957 musste der Chorschluss (Osten) grundlegend saniert werden, nachdem bei Rammarbeiten an der nahegelegenen Jeetzelbrücke schwere Schäden im Mauerwerk entstanden waren. Eine gleichzeitige Untersuchung der Dachkonstruktion über dem Chorschluss ergab, dass auch das Holz durch Wurmfrass instabil geworden war. Im Zuge dieser Instandsetzung wurde dann auch der Westgiebel überholt und die Holzempore im südlichen Seitenschiff entfernt, um mehr Licht in die Kirche zu bekommen.

Nachdem bei einem Schwelbrand zu Ostern 1967 die Kirche einer totalen Innenrenovierung unterzogen werden musste, entfernte man die Holzempore im nördlichen Seiten- und Chorschiff. Die Kirche erhielt einen schlichten hellen Anstrich, das Tonnengewölbe wurde dunkel gestrichen. So stellte sich die Kirche bis zur letzten großen Renovierung und Umgestaltung dar. 

1991 begannen der Architekt Dieter Langmaack (siehe dort) und der Kirchenvorstand mit den Planung einer umfassenden Umgestaltung der St.-Johannis-Kirche, deren Vollendung die Gemeinde Ostern 1993 feiern konnte.

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Lüchow (Wendland)