Conrad Wilhelm Hase (1818 – 1902)
2002 jährte sich das Todesjahr von Conrad Wilhelm Hase zum 100. Mal. Aus diesem Anlass ein paar Gedanken von Rolf Adler zu dem Kirchenbaumeister, der die Sankt-Johannis-Kirche in Lüchow 1866 neu gestaltete:

Martin Luther schreibt in einem seiner vielen Texte:
„Der Gottesdienst sei eine öffentlich, redlich Versammlung an einem besonderen Ort,
da nicht jedermann sein muss wie auf den Gassen und auf dem Markt.“

Ich habe mich gefragt: Wie ist es denn auf den Gassen und auf dem Markt zu Luthers Zeiten gewesen? Nun: es war schmutzig. Es war eng und muffig; es war laut und oft unfreundlich; zuweilen war es feindlich. Entsprechend waren die Leute eingestellt. Sie erledigten „das Nötigste“ auf den Gassen. Sie trieben Handel und mancherlei Händel. Auf den Gassen und auf dem Markt hat man gestritten, hat man seine Notdurft verrichtet und den Abfall des Hauses gelassen.

Wie sieht nun der „besondere Ort“ aus, an dem Christinnen und Christen Gottesdienst feiern? Was gehört zu diesem Ort? Was gehört zu einer Kirche dazu? Welche Gestalt hat sie? Wie soll sie aussehen? Wie und was muss sie wirken? Was soll sie selbst, als Bau verkündigen, als Architektur, als steinerne Zeugin?

Seit es aus Stein und Holz zusammengefügte Kirchen gibt, wird diese Frage gestellt. Und es ist waren und sind die Kirchenbaumeister, die kirchlichen Architekten, die sich dieser Frage widmeten und widmen.

Im Laufe der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte haben sie höchst unterschiedliche Antworten auf die Frage geben, welche Gestalt eine christliche Kirche haben soll. Einer von den berühmteren Kirchenbaumeistern, hat zwischen 1855 und 1866 (Wiedereinweihung) auch für die Kirchengemeinde Lüchow Antworten versucht: Conrad Wilhelm Hase. Er war Konsistorialbaumeister, also ein Baumeister im Dienste der Landeskirche. Außerdem war er Hochschullehrer, Visionär, eigener Kopf.

Im März 2002 hat sich das Todesjahr zum 100. Mal gejährt. 1902 verstarb Conrad Wilhelm Hase 84jährig. Er hatte 1866 durch seine Pläne und Ideen maßgeblichen Anteil an der großen Renovierung und Umgestaltung unserer Sankt-Johannis-Kirche. Sie trägt heute seinen Namen „Hase-Renovierung“. Und so dürfen wir uns in Lüchow zu den Kirchen zählen, die durch den Einfluss und die Hand eines der bedeutensten Kirchearchitekten des 19. Jhd. geformt worden ist. Hase-Alter, Hase-Kanzel, die alten Emporenbauten sind aus seinem Büro.

Zeitgeist können wir an, dem, was Hase plante und baute, ablesen. Zeitgeist – nicht Ewigkeit. Es ist ein Irrtum zu glauben, alte Kirchengebäude stünden in ihrer Form und Architektur für die Unvergänglichkeit und Unveränderlichkeit des ewigen Wortes Gottes. Das Gegenteil ist eigentlich der Fall:. Kirchen sind ein sprechendes und erzählendes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Gottes Wort und Gegenwart in den Jahrhunderten verkündigt, vernommen und verstanden worden ist. So, wie sich Gedanken und Denken, kirchliche Lehre und das ästhetische Empfinden der Menschen im Laufe der Zeiten verändert haben, veränderten sich auch die Gestalten der Kirchen. Es gibt geradezu Epochen des Zeitgeistes: Romanik, Gotik, Klassizismus – wir kennen diese Worte aus dem Kunstunterricht. Sie sind Bezeichnungen für Zeitgeist. Und sie sind gerade darin wertvoll und interessant. Der Mensch verändert sich. Der Mensch wandelt sich. Der Mensch hat seine Geschichte mit Gott. Und der Mensch sucht Gott je in seinem Leben und in seiner Zeit.

Die eigene Suche nach Gott können sich Menschen in der je zeitgebundenen Architektur erlauben, weil Jesus selbst die Vergänglichkeit der steinernen Zeugen Gottes gesehen hat: „Ich werde diesen Tempel abreißen und in drei Tagen einen neuen bauen.“ Christen beten keine Häuser an. Sie fragen nach der Lebendigkeit des Auferstandenen. Sie glauben dem, der selbst zum Tempel wurde. Und sie können sich so ganz frei und lebendig um die Frage mühen, wie denn heute ein Gotteshaus wohl aussehen muss, in dem der lebendige Christus, der Auferstandene gegenwärtig ist.

Gegenwart Gottes allein in Christus Jesus, allein im Wort, allein im Glauben – so sagt es Martin Luther. Steine, Häuser, Kirchen – sie sind nicht mehr und nicht weniger als Hinweise auf Christus, auf das Wort Gottes und den Glauben der Menschen. Darin sind sie besondere Orte, abseits von Gassen und Märkten. Hier wird eine besondere Dimension des Lebens gepflegt, nämlich das Vertrauen in einen gnädigen und gütigen Gott.

Architektur, also auch die eines Conrad-Wilhelm Hase, ist Vergegenwärtigung! Nicht mehr und nicht weniger. Und das Maß des Glaubens, der Geist der in einer Gemeinde waltet, lässt sich ablesen an der Freude, Kirche und Kirchenbau zu pflegen und zu erneuern.

Conrad Wilhelm Hase kannte diesen Unterschied zwischen der Gegenwart Gottes in Wort und Geist und den Häusern, in denen Gott gefeiert und geehrt wurde. Darum konnte er frei gestalten und verändernd. Darum konnte er seine „Hasik“ pflegen, diesen eigentümlichen Stil der Neugotik: „Ein jeder baut nach seiner Nase; ich heiße Conrad Wilhelm Hase.“

Entwurf für den Christus-AltarHimmelwärts streben die Formen. Der Hase-Altar steht für das Programm: Christus über allem. In goldenem Kranz (Mandorla), gehalten durch die Evangelien an den Enden des Kreuzes, thront der, der die Welt überwunden hat. Er thront am Kreuz. Der Welt war und ist diese Botschaft ein Paradox. Wie kann jemand am Kreuz, diesem Fluchholz „thronen“. Das ist nicht zu verstehen. Und doch: wer diesen Christus sieht, sieht etwas von der Wahrheit des Lebens. Leben ist Überwinden, Leben ist Leiden und Leben ist die Hoffnung auf die Gnade eines starken Gottes. Wer in der Sankt-Johannis-Kirche verweilt, schaut auf das Zentrum des Glaubens: Christus am Kreuz. Spitzen und Türmchen baute Hase, wo es nur ging. Der Schalldeckel der Kanzel eine Art Spitzenorgie. Himmelwärts jedes Element. Weisung und Mahnung an den Prediger. „Du, Prediger, auf der Kanzel: Du kannst sagen, was du willst. Du kannst redlich Gottes Wort verkündigen, du kannst den größten Unsinn schwatzen – über dir, der Gemeinde sichtbar, weist die Krönung dieses Ortes die Dimension deines Auftrages: himmelwärts.

Wer auf der Kanzel steht und arbeitet , hat genau über seinem Kopf das Symbol des Heiligen Geistes. Eine Taube mit ausgebreiteten Schwingen, mitten im Fluge also. Sie kommt, sie nimmt den Prediger mit auf die Reise zu Gott. Sie setzt sich der Predigerin ins Gebet und ins Wort. Hier sprechen Dienerinnen und Diener des Wortes Gottes. Dieses Medaillon, liebe Gemeinde, ist tröstender Zuspruch und Anspruch zugleich.

Rundbögen werden durch Conrad Wilhelm Hase 1866 durch Spitzbögen abgelöst. Die Fensterlaibungen werden schlanker. Fenster Hocken nicht plump und platt auf der Erde und kauern im Gemäuer. Sie streben ebenfalls „nach oben“. Der Rundbogen, abgerundet, abgeschottet gegen den Himmel entspricht nicht mehr dem Denken und Fühlen der Menschen. Den Weg der Gedanken, der Gebete und der Klagen will Hase weisen: himmelwärts. Technik kommt in den Blick. Hase liebte es, Dachgebälk freizulegen, sichtbar zu machen. Viele seiner Kirchen, Bahnhöfe und Fabrikgebäude zeigen die Konstruktion. Auf dem Foto sehen wir Entwürfe für die Deckenkonstruktion in Lüchow, die dann mangels Geldes nicht umgesetzt werden konnten. Es wird nichts verschleiert, verkleidet und versteckt. „Wahrhaftiges Bauen“ war Hases Prinzip. Die gusseisernen, etwas groben, nach heutigem Geschmack doch sehr funktionalen Fenster entsprechen diesem Geist. Sie sind mehr als eine handwerkliche Verlegenheit oder kostengünstige Variante. Die Gemeinde schaut hinter die Kulissen. Sie sieht, was von Menschenhand ist und sollen so besser erkennen, was und wie menschliche Technik zusammenhält. Wer weiß, was die menschliche leisten kann, der erst ist bereit für das Verständnis, was Gott dazu tun muss.

Kirchenarchitektur ist immer auch Pädagogik, Erinnerung und Erziehung. Sie ist selbst Andacht und Vortrag. Kirchen eben ganz ein Raum, der – wie Luther es sagte -, „sonderlich sey“, abgesondert von den Märkten und Gassen. Kirche als Verkündigung, als Zitat der Heiligen Schrift, als richtungsweisendes, himmelwärtsgerichtetes  Bauwerk einer ganzen Stadt.Und das alles entworfen und gestaltet, gedacht und geformt in dem Bewusstsein, dass es letztendlich der auferstandene Herr selbst ist, der Gemeinde lebendig macht. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus.

Jesus selbst ist die lebendige Bewegung vom Tode zum Leben, von Dunkelheit zum Licht. Bewegung von der Niederlage zum Sieg. Befreiende Bewegung vom Verrat zum Abendmahl, vom Kreuz zum offenen Grab. Dramatische Erneuerung von Karfreitag zu Ostern.

Kirche als „sonderlicher Ort“ (Luther) ist Symbol. Kirche als Bau hat nicht Symbole, sie ist ein Symbol! Sie ist nicht Fetisch. Steinerne Kirche, Architektur darf nicht zum beschworenen oder zu beschwörenden Gottesersatz werden. Sie wird ihrem Auftrag gerecht als gemeißelte Erinnerung an das lebendigmachende Wort. Als Einladung zu einem „sonderlichen Ort“ zur Vergewisserung und Gewissheit.

Heute steht neben dem Hase-Altar ein neues Kreuz in der Sankt-Johannis-Kirche, gestaltet von Karl Imfeld. Es wurde 1993 im Zuge einer weiteren Umgestaltung in den Raum gestellt. Ein Kreuz, durchbrochen vom Licht der Osternacht. Die Gemeinde hat den Mut aufgebracht, an ihrer Kirche weiter zu bauen. Sie   hat neue Bilder, neue Konzentrationspunkte geschaffen.

Auch diese Elemente unserer Kirche werden einstmals als historisch bewertet werden. Dem Zeitgeist des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts verpflichtet. Und unsere Enkelinnen und Enkel werden hoffentlich weiterbauen an unserer Kirche und so lebendig halten, was wir als Zeit-geister aus dem ewigen Geist Gottes ins Bild setzen können.

Das Gedenken an Conrad Wilhelm Hase ist darum eigentlich kein Blick zurück, sondern ein Blick in Gegenwart und Zukunft. Wir verkündigen Gottes Wort. Wir bauen an dem besonderen Ort abseits der Gassen und Märkte.

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Lüchow (Wendland)