Dunkles Lüchow

Ich hörte
die Häuser in der Frostluft
mit den Ziegeln knirschen

und stellte mir die Menschen vor, wie sie
hinter den Mauern in ihren
schweren Ehebetten lagen
und stöhnten
 
unten konnte
viel Blut
im Pflaster versickern.

GUNTRAM VESPER



Gedenktafel am Glockenturm 
für die Familie Mansfeld
 
 
 
 
 
 
 
 

"Dunkles Lüchow"? –
Ausstellungsarbeit an der Lüchower St.-Johannis-Kirche. 
Ein Erfahrungsbericht

DIE VORGESCHICHTE 

Die Ausstellungsarbeit an der Lüchower St.-Johannis-Kirche hat eine Vorgeschichte: Die Kirche musste seinerzeit grundlegend renoviert werden. Im Zusammenhang mit der ohnehin anstehenden Renovierung setzte sich die Überzeugung durch, den Kirchenraum künftig so zu gestalten, dass er für gottesdienstliche wie für anderweitige Nutzungen gleichermaßen Möglichkeiten eröffnet. Im Zuge der Vorplanungen der Umgestaltung war es gelungen, die Entscheidungsträger der Kirchengemeinde für Räume und im speziellen für den Lüchower Kirchenraum zu sensibilisieren. Der vom Kirchenvorstand beauftragte Architekt übernahm in diesem Zusammenhang  eine wichtige Kommunikationsaufgabe und übersetzte die Äußerungen der Beteiligten in eine nutzerbetonte, sinnen-volle Planung. Als Ergebnis des mehr als zweijährigen Planungsprozesses steht der Kirchengemeinde seit 1993 ein einladender, heller, schlichter Kirchenraum zur Verfügung. Die neu geschaffenen Möglichkeiten für unterschiedliche Nutzungen wirkten als kräftiger Impuls in Richtung Kulturarbeit der Kirchengemeinde.  

DER RAUM 

Wenn ich an die Ausstellungsprojekte der zurückliegenden Jahre denke, dann liegt eine wesentliche Motivation dieser Projekte in den Möglichkeiten eben dieses Raumes, in den Spielräumen, die er eröffnet, in den Einladungen, die er ausspricht, in der reizvollen Spannung von Alt und Neu. Vom Kirchenvorstand verabschiedete »Richtlinien zur Nutzung der St.-Johannis-Kirche in Lüchow« bringen die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Kirche »vielfältig und phantasievoll genutzt werden [soll]: Fragen und Ansichten zum Leben gehören in die Kirche (Ausstellung, Diskussion, Lesung, Performance, Theater, Konzert, Film).« 

Durch eine veränderte Eingangssituation, einen von allen Seiten zugänglichen »Tisch des Herrn« und vier in der Fußbodengestaltung angedeutete Paradiesflüsse (1. Mose 2, 10-14) in Richtung Osten und Westen, Norden und Süden ist die überkommene ausschließlich längsachsiale Orientierung aufgebrochen. Dadurch, dass Chorraum wie Seitenschiffe zudem von Gestühl befreit sind, ergeben sich Freiräume. Die Kirche lädt zum Begehen ein. Voraussetzungen für eine Vielzahl von Liturgien sind geschaffen. Querwege können beschritten, Kreisbewegungen Raum greifen, verinnerlichte Verhaltensmuster durchbrochen oder kirchenpädagogische Erkundungen initiiert werden. Die weißen Wände und die von jeglicher »Möblierung« freigehaltenen Bodenflächen fordern über die Gottesdienste hinaus immer wieder zu vielfältiger temporärer Nutzung heraus.

Die großen Ausstellungen »Inspirationen« (1993) mit 9 Künstlerinnen und Künstlern, »Orte der Stille« (1995) mit Werken von Ricardo Saro und Hartmut Stielow,  »Fragmente der Hoffnung« (1997) mit einem Zyklus von Andreas Felger und »Konfrontationen« (2000) mit Arbeiten von Frank Schult waren konzeptionell mit Angeboten wie öffentliche Druckaktion, Gottesdienst, Lesung, Podiumsgespräch, Konzert und Tanzstück verbunden, um auf diese Weise inhaltliche Anstöße zu geben, gegenseitige Bezüge erkennbar werden zu lassen sowie unterschiedliche Raumerlebnisse zu ermöglichen. 

RAHMENBEDINGUNGEN 

Grundsätzlich hat sich im Laufe der Jahre neben der rechtzeitigen Einbeziehung der Entscheidungsgremien die Beteiligung von Interessierten und »Sympathisanten« als sinnvoll erwiesen. Immer wieder fanden sich beispielsweise Menschen bereit, während der Öffnungszeiten der Ausstellungen Aufsicht zu führen. Auf diese Weise ergab sich sozusagen beiläufig die Begegnung mit Exponaten und dem veränderten Raum.  

Es ist ein ganzes Bündel von Rahmenbedingungen, die die Ausstellungsarbeit an St.-Johannis Lüchow bisher befördert haben. Neben dem Raum und interessierten, für die Dauer der Ausstellungen mitarbeitenden Menschen der Kirchengemeinde und über die Kirchengemeinde hinaus sind es die durch die zentrale Lage der Stadt begünstigten kurzen Wege zu Kommune, Verbänden, Presse und Kulturschaffenden des Landkreises, die sich im Blick auf die Ausstellungsarbeit als förderlich erweisen. Auch das Interesse des Kirchenkreises und dessen finanzielle Unterstützung ermöglichen die Arbeit in diesem Umfang. 

KOOPERATION

Das Spektrum der Erfahrungen und Möglichkeiten reicht weiter als der Titel »Dunkles Lüchow« des 1984 veröffentlichten Gedichtes von Guntram Vesper (In: Guntram Vesper, Die Inseln am Landmeer, Frankfurt/M. 1984, S.84-85) nahe legen mag.  Es gibt neben provinziellen Erfahrungen wie »Neues hat’s schwer im Wendland« – so die Schlagzeile eines Artikel zum Kulturangebot in der Region  oder enttäuschte Äußerungen mit dem Tenor »An Lüchow geht die Kunst immer vorbei« – auch andere Erfahrungen: In der Vergangenheit haben sich vielfältige menschliche Bezüge ergeben, so etwa zum langjährigen künstlerischen Leiter des »Schreyahner Herbstes« und einzelnen Stipendiaten dieser nahegelegenen »Niedersächsischen Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn«: Ausschnitte aus dem 12teiligen Zyklus »superverso per organo« von Ernst Helmuth Flammer waren in der St.-Johannis-Kirche zu hören, und Heinz Kattner las im Rahmen der »Inspirationen«-Ausstellung kurz nach Wiedereinweihung der Kirche. Die »Konfrontationen«-Ausstellung zum Beispiel wurde unter anderem mit der Uraufführung eines eigens zu diesem Anlass komponierten Werkes des Schreyahn-Leiters Gerald Humel (»Ich - Wir«) eröffnet. Kulturschaffende der Region wurden auf die Ausstellungsarbeit aufmerksam. Regelmäßig nahm die Kirchengemeinde an der zehntägigen regionalen »Kulturellen Landpartie« teil.

 

Auch über die Region hinaus konnten Verbindungen genutzt werden. Der im Zuge der Umgestaltung der Kirche mit der Schaffung der Prinzipalstücke beauftragte Bildhauer Karl Imfeld war wesentlich am Zustandekommen der »Inspirationen«-Ausstellung kurz nach Wiedereinweihung der St.-Johannis-Kirche beteiligt, darunter auch mit eigenen Arbeiten. Das Interesse der Medienzentrale der Hannoverschen Landeskirche an der Kulturarbeit in Lüchow führte 1995 zur Eröffnung der Wanderausstellung »Orte der Stille«. Ein Tanzprojekt erwuchs im Anschluss an eine Begleitveranstaltung zur Ausstellung »Fragmente der Hoffnung«. 

FOLGEN 

Im Grunde sind damit nicht mehr nur die erfreulichen Rahmenbedingungen und Kooperationsmöglichkeiten genannt, sondern schon Auswirkungen angedeutet. Drei »Früchte« der Ausstellungsarbeit im Kirchenraum seien am Ende exemplarisch aufgeführt.  

• Seit mittlerweile sechs Jahren wird im Rahmen der winterlichen Gottesdienste im Großen Saal des Gemeindehauses von Epiphanias an bis zu Beginn der Passionszeit jeweils eine zeitgenössische Arbeit gezeigt (1995 »Atemtor« von Jörgen Habedank, 1996 »Einfach vergessen« von Rosemarie Vollmer, 1997 Textilarbeit o.T. von Johann Peter Reuter, 1998 Glasarbeit »Die Botschaft weitersagen« von Tobias Kammerer, 1999  »Kreuzigung« von Friedemann Hahn, 2000 Fresko »Licht« von Jana Ilieva, »Klangzeichen« von Diether F. Domes, 2001). 

• Eines der jüngeren Projekte, in dessen Rahmen im Herbst 1999 eine junge Künstlerin drei Wochen lang in Zusammenarbeit mit den 3-6jährigen Kindern und den Erzieherinnen des ev. Kindergartens (150 Kinder) sowie einem beteiligten Pastor der Gemeinde eine Arbeit zum Thema »Licht« entwickelte, bestimmte als »Winterkirchenbild« des Jahres 2000 die Gottesdienste von Januar bis Anfang März. 

• Schließlich wurde vom 9. – 24. Oktober 1999 eine Ausstellung von fünf Künstlerinnen und Künstlern aus Sellafield gezeigt (»Cumbria – Wendland«), die auf Initiative der »Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg« und der »Bäuerlichen Notgemeinschaft« zustandegekommen ist. Dieser Brückenschlag Sellafield-Lüchow/Gorleben ist das aktuelle Beispiel einer Kooperation, die sich aus der Resonanz über die Ausstellungsarbeit der zurückliegenden Jahre ergeben hat, die Möglichkeiten des Raumes nutzt und den Mut zur Auseinandersetzung mit der immer wieder aktuellen Atomproblematik in Landkreis Lüchow-Dannenberg wachhält.

Ausstellungsarbeit, so gesehen, belässt Gemeinde nicht – »Dunkles Lüchow«?!? – unter sich, sondern gestaltet Gemeindearbeit einladend, offen und hell wie der Kirchenraum, der der Kirchengemeinde anvertraut ist.  

Volker Dobers: »Dunkles Lüchow«? – Ausstellungsarbeit an der Lüchower St.-Johannis-Kirche. Ein Erfahrungsbericht. In: Kunstdienst der Evangelischen Kirche Berlin / Zentrum für Medien, Kunst, Kultur im Amt für Gemeindedienst der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers (Hg.): Kirchenräume – Kunsträume. Hintergründe, Erfahrungsberichte, Praxisanleitungen für den Umgang mit zeitgenössischer Kunst in Kirchen. Ein Handbuch. (Reihe Ästhetik – Theologie – Liturgik Bd. 17), Münster/Hamburg /London 2002, S. 151-155

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